Biografie

Biografie von Dr. Achim Baumgarten

Als zu Beginn der 80er Jahre des 18. Jahrhunderts ein unbekannter Geselle bei dem angesehenen Simmerner Buchbinder Johann Wolfgang Franz Richter anklopfte und bat, einige Wochen seiner Gesellenwanderungszeit bei ihm verbringen zu dürfen, konnte niemand ahnen, welch große Bedeutung dieser Mann einmal für die Simmerner Stadtgeschichte haben sollte, und erst recht nicht, welche noch größere Bedeutung und Berühmtheit einmal sein einziger Sohn aus zweiter Ehe erringen würde.

Dieser Geselle war der 1767 in Kronach geborene Johann Lorenz Rottmann. Er zog nun nicht mehr weiter, sondern blieb dauerhaft bei der Familie Richter, was auf eine große Zufriedenheit des Meisters mit seinem neuen Mitarbeiter schließen lässt. 1786 starb Buchbinder Richter, und zwei Jahre später heiratete Lorenz Rottmann dessen Witwe Maria Wilhelmina geb. Apel, die 20 Jahre älter war als er. Drei Kinder gingen aus der Ehe hervor: Ignatz Joseph Friedrich (1791-1833), der Königlicher Domänen-Rentmeister in Ehrenbreitstein wurde, Carl Joseph (1792-1840), der ledig blieb und in Simmern lebte, und Maria Josepha, die 1796 noch am Tage ihrer Geburt starb. Nur wenige Monate später, im November 1796, starb auch Maria Wilhelmina Rottmann, und Lorenz Rottmann heiratete im Februar 1798 zum zweiten Mal. Seine zweite Frau Rosina Margarethe geb. Koch war lutherischer Religion, während er selbst katholisch war. Solche konfessionsübergreifenden Heiraten waren in dieser Zeit selten und zeugen von einer großen religiösen Toleranz.

Lorenz Rottmann war inzwischen in Simmern ein achtbarer Mann geworden. Schon 1788 war er in den Stadtrat aufgenommen worden, eine hohe Auszeichnung, denn der Stadtrat wurde nicht von der Bevölkerung gewählt, sondern bestimmte beim Ausscheiden eines seiner Mitglieder selbst, wer neu aufgenommen werden sollte. 1789 hatte er die Amtsbotenstelle übernommen, sein erstes öffentliches Amt. Sein eigentlicher Aufstieg setzte aber erst nach der dauerhaften Besetzung des Hunsrücks durch die Franzosen ein (1794). 1797 wurde er Empfänger für die Kriegsgelder im Kanton Simmern, 1798 Assessor beim Friedens- und Correctionsgericht Simmern (bis 1804). Daneben arbeitete er weiter als Buchbinder und Buchhändler und eröffnete später auch eine Leihbücherei.

Lorenz Rottmann hatte das Richter’sche Haus übernommen, das auf dem Fruchtmarktplatz, vor der Stephanskirche und nicht weit weg von der heutigen Fruchtmarktschule (Gaststätte „Galerie“ ), stand, und dort kam am 9. April 1799 seines einziges Kind aus der zweiten Ehe, Peter Joseph Rottmann, zur Welt. 1843 ist Rottmanns Elternhaus mit zwei weiteren Häusern abgerissen worden, weil der Fruchtmarktplatz vergrößert wurde. In den ersten Lebensjahren erlebte Peter Joseph mit, wie sein Vater mehr und mehr zu einer Amtsperson des französischen Staates wurde. 1804 besuchte Kaiser Napoleon Simmern, und der kleine Junge wird mächtig beeindruckt gewesen sein von dem Pomp und Aufwand, der alles, was man in Simmern in den Jahrzehnten zuvor erlebt hatte, in den Schatten stellte. Im Jahr darauf wurde sein Vater Erster Adjunkt der Mairie Simmern und Inspektor für die Instandhaltung der Gemeindestraßen. Da sich der neue Simmerner Unterpräfekt Baron von Closen als für seinen Posten unfähig erwies, musste der reguläre Simmerner Maire Chardon praktisch dessen Geschäfte führen und überließ die Regelung der Angelegenheiten der Mairie seinem Stellvertreter, dem Adjunkten Lorenz Rottmann. In dieser Zeit hat Peter Joseph viel gelernt, z.B. den Umgang mit bedeutenden Persönlichkeiten, was sich später bei den Besuchen des Kronprinzen oder des Königs in Simmern auszahlen sollte.

Peter Joseph Rottmann beschloss, beeinflusst vom guten Rat seines Vaters, selbst eine Beamtenkarriere einzuschlagen. Der Besuch einer Höheren Schule war ihm aus finanziellen Gründen nicht möglich gewesen, obwohl er in der von ihm besuchten sog. französischen Schule durch besondere Leistungen aufgefallen war. Zeitweise war er wohl auch von dem Lehrer Johann Heinrich Richter, einem Sohn aus der Ehe von Johann Wolfgang Franz Richter und Maria Wilhelmina geb. Apel, unterrichtet worden, doch starb dieser bereits 1808. Lorenz Rottmann konnte auf seine guten Beziehungen vertrauen, so dass es ihm gelang, seinem Sohn Peter Joseph 1813 eine Lehrstelle als Schreiber in der Unterpräfektur zu verschaffen.

Alles schien auf eine sichere französische Beamtenlaufbahn hinzudeuten – da musste Peter Joseph zum ersten Mal erleben, wie schnell scheinbar sicher geglaubte und gefestigte Verhältnisse sich in kurzer Zeit sehr plötzlich ändern können. Innerhalb weniger Tage brach unter dramatischen Bedingungen zu Jahresbeginn 1814 die französische Herrschaft auf dem Hunsrück zusammen. Peter Joseph erlebte mit, wie der Koblenzer Präfekt, Unterpräfekt von Closen und die meisten französischen Beamten mit der Staatskasse in panischer Angst aus Simmern flohen und völlig neue Herrschaftsstrukturen Einzug hielten. Die Angst, der nach seiner Ansicht bewährte Staatsaufbau könne unerwartet zusammenbrechen, hat ihn danach lange nicht verlassen.

Dabei profitierte die Familie Rottmann zunächst von den Veränderungen. Der mit einer deutschen Frau verheiratete, französischstämmige Simmerner Maire Chardon glaubte anfangs, sich in seinem Amt halten zu können, doch dies war eine Illusion; nach wenigen Wochen zwangen ihn die neuen Machthaber zum Rücktritt. In Ermangelung von guten Beamten mit Verwaltungserfahrung wurde Lorenz Rottmann neuer Chef der Mairie, die jetzt Bürgermeisterei genannt wurde. Als bis heute einziger Amtsträger und Stadtchef von Simmern durfte er den Titel „Oberbürgermeister“ tragen. Peter Joseph Rottmann ging von der Unterpräfektur, die nun aufgelöst wurde, zum Hypothekenamt. 1819 wechselte er zur Domänenverwaltung und übernahm das Rechneramt des Pastoreifonds Kirchberg.

1817 hatte er auf dem Nunkircher Markt, den er besonders gerne besuchte, Wilhelmine Maull, die Tochter eines Arztes aus Rhaunen, kennen gelernt, die zur großen Liebe seines Lebens wurde. Die Nähe zur Welt der Bücher hatte Rottmann geprägt; in seiner Kindheit und Jugend hatte er die Werke der Klassiker geradezu verschlungen, besonders die Gedichte Schillers hatten ihn beeindruckt. Und so schrieb er nun seine ersten Liebesgedichte für die von ihm Angebetete, oft Parodien auf Schillergedichte, aber auch eigene Kompositionen. Das Liebeswerben wurde erhört, und so konnte Peter Joseph Rottmann am 12. Februar 1822 Hochzeit mit seiner Braut Wilhelmine feiern. Wieder hatten die Brautleute unterschiedliche Konfessionen, was auch bei Peter Joseph Rottmann für eine tolerante Haltung in religiösen Angelegenheiten spricht. Der Heiratsvertrag sah die katholische Taufe aller Kinder vor, woran sich Rottmann auch streng gehalten hat.

Bald kamen die ersten Kinder zur Welt (insgesamt wurden es zehn) und der jungen Familie wurde es in Rottmanns Elternhaus zu eng. Man kaufte sich ein Haus in der Oberstraße (späteres Haus „Werner“). Wieder schien das Glück perfekt, doch die Sicherheit trog. Der preußische Staat, zu dem der Hunsrück nun gehörte, war darauf aus, Verwaltungsabläufe zu optimieren, in seinen Augen im Hinblick auf die Staatsloyalität unsichere Katholiken durch protestantische Beamte zu ersetzen und den Behördenaufbau zu straffen. So hatte bereits Lorenz Rottmann 1817 seinen Oberbürgermeisterposten verloren. Weitere 25 Jahre, bis zum Alter von fast 75 Jahren, diente er der Stadt und dem Amt als erster Beigeordneter. 1824 erfolgte dann für Rottmann unerwartet der Paukenschlag: Die Domänenverwaltung wurde aufgehoben, die Kasse nach Koblenz verlegt. Eine Bewerbung nach Koblenz schlug fehl, und so stand Peter Joseph Rottmann im Alter von knapp 25 Jahren vor der Arbeitslosigkeit und dem beruflichen Nichts. Große Verzweiflung machte sich breit, und der Vater hatte manche Mühe, den Sohn wieder aufzurichten und ihm Hoffnung zu geben. Vielleicht würde sich irgendwann noch einmal die Chance ergeben, in den Staatsdienst einzusteigen, vorerst aber musste man einen Weg finden, das Existenzminimum zu sichern. In seiner Zeit als Gerichtsassessor war es Lorenz Rottmann aufgefallen, dass viele einfache Menschen vom neuen Justizsystem überfordert waren. Sie kannten sich in der Systematik der Gesetze nicht aus, waren schlecht im Formulieren von Schriftsätzen und verloren so unnötig ihre Prozesse. Peter Joseph war ausgebildeter Schreiber, das ausgefeilte Formulieren von offiziellen Schreiben fiel ihm leicht, dazu hatte er sich als Autodidakt ständig fortgebildet und in die Bücherwelt vertieft, und so riet ihm sein Vater, es als Rechtskonsulent, also freier Berater in rechtlichen Angelegenheiten, zu versuchen. Nach einigem Zögern nahm Peter Joseph den Rat an, und die neue Tätigkeit erwies sich als so erfolgreich, dass er bald einen sehr guten Ruf in Bevölkerung genoss. Daneben betrieb er eine bescheidene Landwirtschaft und Obstbaumzucht und vermittelte Versicherungsverträge.

Vor allem hatte Rottmann nun Zeit, seiner großen Leidenschaft nachzugehen, dem Dichten. Die folgenden 20 Jahre waren seine kreativsten, Gedichte von hohem poetischem Rang entstanden. Während er Gedichte für Familienfeiern und offizielle Anlässe in hochdeutscher Sprache verfasste, hatte er gemerkt, dass seine Gedichte im Hunsrücker Dialekt im Kreise seiner Freunde die beste Wirkung erzielten. Anfangs beschränkte er sich darauf, Parodien auf Schillergedichte zum Besten zu geben, doch brachte er es zu solcher Meisterschaft, dass er bald aus dem Stegreif heraus auf jede Person und jedes Ereignis ein Gedicht aufsagen konnte. Dabei fiel auf, wie genau er seine Umwelt beobachtete, wie detailgetreu er Schauplätze und Personen beschrieb und charakterisierte, wie exakt er den Erzählungen anderer zugehört hatte. Dies sind Eigenschaften, die man oft bei Personen findet, die aus der eigentlichen „großen“ Gesellschaft ausgeschlossen sind und diese dann, quasi von außen, beobachten. Wenn Rottmann abends mit einem Schwarm von Anhängern von Gasthaus zu Gasthaus zog (damals existierten in Simmern 30 florierende Wirtschaften, von denen Rottmann täglich mindestens fünf besuchte – zum Früh- und Mittagsschoppen und mehrere zum Abendschoppen), wussten die jeweiligen Wirte das zu würdigen – Rottmann brachte Umsatz. Seine Dichtung blieb auch überregional nicht unbemerkt, und so nahm der berühmte Prof. Dr. Simrock, der gerade die Sagenwelt des Rheinlandes erschloss, zu ihm Kontakt auf und drängte ihn bei einem gemeinsamen Besuch des Nunkircher Marktes, seine Gedichte und „Stickelcher“ im Druck zu veröffentlichen. Rottmann zögerte lange, mochte er sich doch nicht gerne möglicher Verspottung aussetzen.

1840 schien er sich damit abgefunden zu haben, in der politischen Welt keine größere Rolle mehr spielen zu können. Er kaufte das seinem Haus schräg gegenüberliegende alte Gasthaus „Zum roten Ochsen“, baute es um und vergrößerte es und nannte es nun „Zum Hunsrücken“. Als dichtender Gastwirt glaubte er, ein auskömmliches Leben führen zu können, und so sah man ihn fast täglich beim Bedienen der Gäste und hinter der Theke seiner Wirtschaft. Hier empfing er W.O. von Horn und andere bekannte Hunsrücker Autoren und organisierte kulturelle Veranstaltungen. Auch brachte er 1840 im Eigenverlag ein schmales Bändchen mit besonders ausgewählten eigenen Werken heraus. Der Gedichtband war ein Riesenerfolg und bald ausverkauft. Seine Anhänger verlangten weitere und immer neue Gedichte, und manchmal wird sich Rottmann deswegen regelrecht unter Druck gefühlt haben. Seine Gastwirtstätigkeit sollte nicht mehr von langer Dauer sein, denn ganz überraschend eröffnete sich ihm ein neues Betätigungsfeld.

Seit 1833 war Rottmann Mitglied im Simmerner Stadtrat und vertrat die Stadt in der Amtsvertretung. Da sein Vater in der Regel die Besuche von Personen der preußischen Königsfamilie in Simmern zu organisieren hatte und dabei seinen Sohn kräftig einspannte, hatte dieser im Laufe der Zeit auch den Kronprinzen Friedrich Wilhelm und dessen Bruder, den Prinzen Wilhelm, kennen gelernt. Mit Friedrich Wilhelm ergab sich sofort ein herzliches Verhältnis. Es verging kein Besuch, bei dem Rottmann nicht mindestens eines seiner Gedichte vortragen musste, und Friedrich Wilhelm amüsierte sich köstlich. Oft bat er ihn an seine Tafel im Hotel „Zur Post“.

Rottmanns Vater war unterdessen 75 geworden und gab sein Beigeordnetenamt auf. Gerne hätte er seinen Sohn an seiner Stelle gesehen, doch trauten die führenden Simmerner Familien dem lebenslustigen Wirt einen solch verantwortungsvollen Posten noch nicht zu. Schließlich gelang es ihm im Dezember 1842 aber doch, Zweiter Beigeordneter zu werden.

Als solcher zeigte er von Anbeginn an ein besonderes Engagement, führte viele Gespräche und viel Schriftverkehr, wobei mancher gedacht haben mag, mit seinem Vater, dem langjährigen „Beigeordneten Rottmann“, zu korrespondieren. Schließlich gelang es ihm, 1843 zum stellvertretenden Abgeordneten der Hunsrücker Städte für den 7. Rheinischen Provinziallandtag gewählt zu werden (wieder hatten wohl einige gedacht, sein Vater habe kandidiert), und er hatte das Glück, dass der eigentlich Gewählte die Wahl nicht annehmen konnte. So reiste er stattdessen nach Düsseldorf, wo sich ihm ein wunderbares Forum zur Darstellung seines politischen Talents bot. Rottmann hielt mehrere beeindruckende Reden, wobei auch sein Talent zum freien Vortrag zur Geltung kam. Jedenfalls hatte sein Auftritt für Furore gesorgt und ihn bekannt gemacht.

Als 1846 die neue preußische Gemeindeordnung eingeführt wurde und in Simmern ohnehin ein Bürgermeisterwechsel anstand, übertrug man ihm seitens der Regierung die vorläufige Führung der Geschäfte. Für das Bürgermeisteramt gingen viele Bewerbungen ein; eindeutiger Favorit war der amtierende Bürgermeister von Ohlweiler, Johann Peter Beck, der Erbauer des imposanten Beck’schen Hauses in Simmern, der mit einer Tochter der in Simmern mächtigen Gerber- und Gastwirtsfamilie Goetz verheiratet war. Seine Wahl galt als absolut sicher. Da warf Rottmann in letzter Minute völlig überraschend seinen Hut in den Ring. In seiner Bewerbung führte er alle seine Verdienste um Simmern auf und wies vor allem auf seine Beliebtheit bei der Bevölkerung und allen Simmerner Konfessionen hin. Rottmann hatte zwei große Handicaps zu überwinden: Er war kein Akademiker, was ihn in Kreisen der Intellektuellen unwählbar machte, und er war katholisch, was zu Vorbehalten seitens der preußischen Regierung führte. Außerdem gab es in Simmern eine protestantische Zwei-Drittel-Mehrheit. Nun zeigte sich, dass es Rottmann über die Jahre verstanden hatte, sich ein Netzwerk treuer Anhänger zu schaffen, die in seiner Kandidatur einen Weg sahen, die drohende konfessionelle Spaltung der Stadt abzuwenden. Über die Jahre hin hatte er die Taufpaten seiner Kinder unter den führenden Familien der Stadt gesucht und selbst bei deren Kindern Patenschaften übernommen, eine Taktik, die schon der Vater angewandt hatte, um Kontakte zu knüpfen. Jetzt sah er darauf, dass zumindest seine ältesten Töchter sich Heiratskandidaten aus eben diesen Familien aussuchten. So heirate Tochter Margarethe in die mächtige protestantische Goetz-Familie ein, Tochter Louisa Friederica heiratete einen Vertreter der Gastwirts- und Kaufmannsfamilie de Lorenzi. Seine Geselligkeit, seine Karnevalsbegeisterung, sein häufiger Gasthausbesuch und sein Freundeskreis taten ein Übriges. Rottmann schaffte es, er wurde Bürgermeister von Stadt und Amt Simmern.

Über seine Tätigkeit als Stadtbürgermeister soll hier nur kurz berichtet werden. Die Gastwirtschaft „Zum Hunsrücken“ musste er gezwungenermaßen aufgeben, er übertrug sie an seinen Schwiegersohn Carl de Lorenzi. Später zog er in die Bürgermeisterdienstwohnung im Rathaus. 1847 besuchte Friedrich Wilhelm erneut Simmern und war von Rottmann begeistert, wenig später wurde ihm der Rote Adlerorden IV. Klasse verliehen. Trotzdem bildete sich in Akademikerkreisen – gestärkt durch Fehler, die Rottmann am Anfang seiner Tätigkeit unterliefen – bald ein oppositioneller Kreis gegen Rottmann, der vom Forstkassenrendanten Caspar Hilt angeführt wurde. 1850 schienen seine Feinde am Ziel. Sie beschuldigten Rottmann, in der 1848er Revolution auf Seiten der Aufrührer gestanden zu haben, ein damals äußerst gefährlicher Vorwurf. Dabei hatte Rottmann gerade in dieser Zeit in einer Art Schaukelpolitik die Stadt äußerst geschickt gelenkt und war stets auf einen Ausgleich zwischen den Parteien bedacht gewesen. Die von den Revolutionären geforderte Auflösung der Höheren Schule hatte er verhindert, die Stürmung des Zeughauses, wo die Waffen der Landwehr lagerten, durch persönlichen Einsatz vereitelt. Zudem beschuldigte man ihn, durch eine zu großzügige Unterstützung der Armen die Finanzlage der Stadt ruiniert zu haben. Auch der Landrat stellte sich schließlich auf die Seite der Gegner und hielt eine Bestätigung der Wiederwahl, die 1850 wegen der Einführung einer erneut neuen Gemeindeordnung durchgeführt wurde, für ausgeschlossen. Rottmann sah sein gesamtes Lebenswerk gefährdet. Wieder sah er sich am Abgrund und fürchtete um die Zukunft seiner Familie. In dieser Ausnahmesituation ließ er sich zu einigen unüberlegten Äußerungen hinreißen, die von den Gegnern dankbar aufgegriffen wurden. Trotzdem konnte er sich mit geschickten Wendungen bei der Regierung entschuldigen und seine Gegner als einzelne Querulanten ohne breite Unterstützung darstellen; für sich forderte er die Möglichkeit sich rehabilitieren zu dürfen. Die Regierung setzte eine Untersuchungskommission ein, die in Simmern viele Zeugen verhörte und die Vorwürfe weitgehend entkräftete. Für alle persönlichen Anwürfe entschuldigte sich Rottmann ausdrücklich, und schließlich wurde seine Wiederwahl trotz allem bestätigt.

Danach hatte Rottmann keine Gegner mehr zu fürchten. Er ignorierte die Opposition und nahm in den 50er Jahren viele Jahre lang nicht mehr an den von Caspar Hilt geleiteten Stadtratssitzungen teil. Dessen Beschlüsse setzte er nur um, wenn er sie für sinnvoll hielt. Auch mit dem Landrat und der Regierung in Koblenz leistete er sich viele Scharmützel und Kleinkämpfe. Er war kein Freund der Schreibtisch- und Aktenarbeit, die er in der Regel vernachlässigte. Stattdessen liebte er es, mit den Menschen praktische Lösungen ihrer Probleme vor Ort zu besprechen. Seine Freundschaft mit dem früheren Kronprinzen, jetzt König Friedrich Wilhelm IV., hielt auch in dieser Zeit stand, bei einer privaten Rheinpartie per Schiff bis Koblenz im Jahre 1855 sprach er sich mit ihm aus und versicherte ihn seiner Treue zum preußischen Staat und Königshaus.

Für Simmern hat Rottmann in den 24 Jahren seiner Bürgermeistertätigkeit viel erreicht. Zwar konnten nicht alle Projekte verwirklicht werden, z.B. scheiterte er mit dem Plan eines Eisenbahnanschlusses für Simmern im Jahre 1852, doch schmälert das nicht die lange Liste seiner Erfolge. Zu nennen ist beispielsweise die Lösung des seit dem Brand von 1689 ungelösten Rathausproblems. Über mehr als 150 Jahre hatte Simmern kein Rathaus mehr, bis Rottmann in dieser Frage mit dem Haus Staudt in der Kirchgasse zu einem befriedigenden Ergebnis fand. Oder die Trennung von Kümbdchen: Seit Jahrzehnten kämpfte das Ausbürgerdorf vergebens um seine Selbständigkeit, bis sie unter Rottmann Wirklichkeit wurde. Die wichtigste Errungenschaft aber war die Sicherung der Garnison für Simmern. Die vielen Soldaten und Offiziere brachten nicht nur Leben in die Stadt, sie bedeuteten Lohn und Brot für viele Hundert Menschen. Die Bauern lieferten Pferdefutter, Lebensmittel und Versorgungsgüter, die Handwerker hatten volle Auftragsbücher, die Haus- und Stallbesitzer verlässliche Mieter. Mit Ausnahme der Phase nach dem Anschluss an die Eisenbahn hat Simmern nie wieder eine solche Zeit der Prosperität erlebt. Viele fleißige Familien kamen zu bürgerlichem Wohlstand.

Als Rottmann 1870 wegen eines sich verschlimmernden Augenleidens um seine Pensionierung bat, hatte sich das Gesicht der Stadt verändert. Stattliche Gebäude waren entstanden, die alte Stadtmauer an vielen Stellen niedergelegt oder verkauft, die Stadt hatte sich weit über die alten Grenzen ausgedehnt. Er selbst war bereits damals ein Denkmal seiner selbst geworden, hochgeachtet und weithin bekannt. Wenn er in einem der großen Gasthäuser oder einer Gartenwirtschaft eines seiner neuen Gedichte vortrug, herrschte absolute Stille und Aufmerksamkeit. Anschließend wurde er gefeiert wie heute ein Popstar.

Auch in seinem Ruhestand blieb Rottmann nicht untätig. 1871 übernahm er die Funktion eines Ergänzungsrichters. Bei der Wahl des ersten Deutschen Reichstags sorgte er mit dafür, dass Prof. Dr. Treitschke, der berühmte Staatsrechtler und Historiker, den Wahlkreis Simmern-Kreuznach übernahm. 1861 war sein Vater im Alter von 94 Jahren gestorben. Er war ihm immer ein guter Berater gewesen, den er bis zuletzt, als der Vater im Gasthaus „Zum Hunsrücken“ wohnte, täglich besucht und um Rat gefragt hatte. Im Februar 1872 konnte Rottmann das Fest der Goldenen Hochzeit begehen, zwei Jahre später starb seine Ehefrau. Im gleichen Jahr erschien bereits die vierte Auflage seines Gedichtbandes, diesmal nicht, wie die Auflagen eins bis drei, bei Johann Maurer in Simmern, sondern bei R. Voigtländer, Kreuznach, mit einem Holzstich von Eduard Ade. Mit jeder Auflage war die Zahl der veröffentlichten Gedichte größer geworden. Rottmann glaubte damals, keine weitere Auflage mehr erleben zu können und verabschiedete sich in einem gedichteten Abschiedsvorwort von seinen Lesern, doch sollte er 1877 auch noch die fünfte Auflage erleben. Im gleichen Jahr unterzog er sich bei der in dieser Zeit größten Kapazität auf dem Gebiet der Augenheilkunde, Prof. Dr. Mooren in Köln, einer Staroperation und konnte anschließend wieder besser sehen.

Den 80. Geburtstag feierte Rottmann 1879 bei noch guter Gesundheit, anschließend verschlechterte sich sein Gesundheitszustand aber zusehends. Die Gicht und ein offener Fuß machten ihm zu schaffen, so dass er ab der Jahreswende 1880/81 ans Bett gefesselt war. Am 27. Februar 1881 starb Peter Joseph Rottmann im Alter von fast 82 Jahren. Am 2. März 1881, bezeichnenderweise dem Aschermittwoch, wurde Rottmann vor seinem letzten Wohnsitz, dem Haus „Müller“ oberhalb der Bahnhofsstraße, wo Napoleon einst das Tanzbein geschwungen hatte, eingesegnet und bei heftigem Schneetreiben mit einem langen Trauerzug zum Friedhof in der Mühlengasse zur letzten Ruhe gebracht. Dem Leichenwagen mit dem kranzgeschmückten Sarg wurde der Adlerorden IV. Klasse hinterhergetragen. Als großer Karnevalsfreund hätte Rottmann an einer Beschreibung seines Trauerzuges sicher seine Freude gehabt, denn es wird berichtet, dass viele Trauergäste unter den schlimmen Katerbeschwerden der vorausgegangen tollen Tage litten und den Friedhof nur schwankend erreichten. Die Hunsrücker Zeitung schrieb:

Jahre mögen dahin rauschen, und Vieles mit sich in das Meer der Vergessenheit hinwegraffen, der Name und das Andenken unseres Herrn Rottmann wird aber immer hochgehalten werden, wird allen Denen unvergeßlich sein, die ihn gekannt haben.

Fragen wir zum Schluss: Wer war Peter Joseph Rottmann und was ist von ihm geblieben? Rottmanns Charakter lässt sich mit wenigen Worten beschreiben: Vom Vater beeinflusst und gefördert, war er ein Autodidakt, aber ohne die bei diesen oft anzutreffende Neigung zur Halbbildung und Besserwisserei, Er beherrschte die Grundzüge der französischen, englischen und lateinischen Sprache, war gebildet, sehr belesen (Schiller!) und hatte vertiefte Kenntnisse in Haushalts-, in Finanz-, in Verwaltungs- und juristischen Angelegenheiten. Er war (im Alter verstärkt) eitel, verletzlich, zugleich diplomatisch, manchmal eigensinnig und schwer vom Gegenteil zu überzeugen, geistesgegenwärtig, in der Regel nicht nachtragend und liebte Geselligkeit und Karneval, Familie und Häuslichkeit.

Seine politische Tätigkeit, die Simmerns Bürgern Wohlstand und der Stadt eine gesunde wirtschaftliche und städtebauliche Entwicklung gesichert hat, ist von historischer Bedeutung in seiner Zeit – für unsere heutigen Probleme sind seine Rezepte nur bedingt tauglich. Anders verhält es sich mit seiner Dichtung. Sie hat seinen Namen über die Jahrzehnte bewusst gehalten und steht in ihrer Meisterschaft vorbildhaft vor einer Generation moderner Dialektdichter, die sich erst in den letzten Jahren aus seinem Schatten gelöst hat. Neben der engeren literarischen Bewertung gibt es zwei große Themenfelder, die es lohnend machen, sich mit Rottmanns Dichtung zu beschäftigen: die Volkskunde und die Dialektforschung.

Wenige Jahre nach Rottmanns Tod verzogen die letzten Kinder und Enkel aus Simmern. Keines von ihnen ging in die Politik, die familiären Erfahrungen mit dem emotionalen Auf und Ab des Vaters waren wohl zu belastend gewesen, alle ergriffen kaufmännische Berufe. In Simmern, der Vaterstadt, der Rottmann immer treu geblieben ist, aber erinnert bis heute zu Recht Vieles an ihn: neben dem Rottmann-Denkmal auf der von ihm so geliebten Eich, dem Rottmann-Park am Simmerbach, dem Rottmann-Grab, der Rottmann-Straße und der Rottmann-Buchhandlung vor allem auch die Rottmann-Schule. Hätte der große Kinderfreund Rottmann hiervon gewusst, er wäre sehr stolz gewesen.

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(Eine ausführliche Monographie zur Lebensgeschichte Peter Joseph Rottmanns ist in der historischen Schriftenreihe der Stadt Simmern erschienen.)

Dr. Achim Baumgarten

P.J. Rottmann